Multiple Sklerose und Sport – ist das möglich?

Ausreichend Schlaf und Entspannung sorgen dafür, dass wir im Alltag genügend Ruhe finden. Für Gesundheit und Wohlbefinden benötigen wir aber nicht nur Schlaf und Entspannung, sondern auch genügend Bewegung. Der Alltag bietet dazu zahlreiche Möglichkeiten: kurze Strecken nach Möglichkeit zu Fuss oder mit dem Fahrrad zurücklegen, für ein oder zwei Stockwerke die Treppe nehmen, bereits eine Station früher aus dem Bus steigen, um den Rest zu Fuss zurückzulegen, oder das Auto etwas weiter weg vom Zielort parken. Sie finden bestimmt noch haufenweise andere Möglichkeiten, Ihrem Bewegungsdrang nachzukommen.

Bis vor einigen Jahren vertraten selbst Ärzte die Ansicht, MS-Betroffene würden all ihre Kräfte für die Bewältigung des Alltags brauchen. Sport und Bewegung galten als Überforderung und sollten möglichst vermieden werden. Heute hat sich die Meinung dazu geändert und die Diskussion wird differenzierter geführt.

Eine mässige, dem individuellen Leistungsvermögen angepasste sportliche Betätigung ist zu empfehlen.

Sport kann die Progression der Multiple Sklerose (MS) zwar nicht aufhalten, in mehreren grossen klinischen Studien wurde jedoch aufgezeigt, dass regelmässige Sport- und Gymnastikübungen positiven Einfluss auf körperliche Beeinträchtigungen durch Multiple Sklerose (MS) haben können. Bei der Mehrzahl der Patienten, die über Wochen oder Monate und unter fachkundiger Anleitung trainierten, zeigte sich eine deutliche Verbesserung von Mobilität, körperlicher Beweglichkeit, Ausdauer und Koordination. Auch auf Depressionen und Müdigkeit konnte ein positiver Effekt nachgewiesen werden. Nicht zuletzt haben vor allem die in Gruppen durchgeführten Sportarten eine positive Komponente des sozialen Kontakts.

Beim Sport die eigenen Grenzen kennen

Sport steigert auf der individuellen Ebene persönliche Fähigkeiten, Gesundheit und Selbstbewusstsein. Eine positive Wirkung kann jedoch nur dann erzielt werden, wenn MS-Patienten bei körperlichen Aktivitäten ihre individuelle Leistungsgrenze berücksichtigen. Diese Grenze ist nicht statisch, sondern verschiebt sich bei regelmässigem Training nach oben. Sport verbessert sowohl bei gesunden als auch bei MS-betroffenen Menschen die körperliche Fitness und damit die Leistungsfähigkeit.

Es gilt für Multiple Sklerose-Betroffene präventiv einige Massnahmen zu ergreifen, um negative Konsequenzen von Sport zu vermeiden. Ein besonders wichtiger Faktor ist das Ansteigen der Körpertemperatur bei physischer Aktivität. Dadurch kann die MS-Symptomatik, insbesondere die Spastik, verstärkt werden. Vermeiden Sie beim Sport einen Wärmestau; Wärme abgebende Bekleidung kann in diesem Fall vorbeugen, eine weitere Massnahme stellt die Anpassung der Trainingsintensität dar.

Auch bei Fatigue oder muskulärer Erschöpfung darf man sich durch Sport auf keinen Fall überfordern; hören und achten Sie auf körperliche Signale – so bleibt Sport ein gesundes Vergnügen.

10 sportliche Regeln für Menschen mit Multiple Sklerose (MS)

  1. Bevorzugen Sie Ausdauersportarten wie Radfahren, Walking, Schwimmen, Skilanglaufen.
  2. Falls Sie bei der Erstdiagnose Multiple Sklerose (MS) bereits eine Sportart regelmässig ausüben, sollten Sie mit dieser fortfahren.
  3. Berücksichtigen Sie Ihre individuelle Leistungsgrenze.
  4. Ihre individuelle Leistungsgrenze können Sie durch regelmässiges Training vorsichtig anheben.
  5. Schliessen Sie sich einer speziellen Trainingsgruppe an, wenn Sie neu mit einer Sportart beginnen oder unter körperlichen Einschränkungen leiden.
  6. Vermeiden Sie längere inaktive Phasen, damit Ihre Bewegungsfähigkeit nicht nachlässt.
  7. Liegt ein akuter Schub vor, sollten Sie zuerst Ihren behandelnden Arzt konsultieren, bevor Sie weiter trainieren.
  8. Vermeiden Sie Wärmestau durch entsprechende Bekleidung und Anpassung der Trainingsintensität.
  9. Führen Sie regelmässig Dehn- und Kräftigungsübungen durch.
  10. Trinken Sie ausreichend (am besten elektrolythaltige Getränke), um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.

Sport als Lebensgenuss

Sport führt zu mehr Lebensgenuss und steigert die persönliche Souveränität. Haben Sie diese Erfahrung selber auch schon gemacht? Falls Sie schon immer zu den bewegungsfreudigen Menschen gehörten, so wissen Sie die angenehmen Effekte des Sports auf das Wohlbefinden bereits zu schätzen.

Wer sportlichen Aktivitäten bisher ferngeblieben ist, hat jederzeit die Möglichkeit, mit Sport anzufangen – es ist nie zu spät dafür. Die im nächsten Kapitel vorgestellten Sportarten werden Sie vielleicht dazu inspirieren, ebenfalls einen Beitrag zur eigenen Vitalität leisten zu wollen.

Ein Plädoyer für den Sport

Sport und Leibeserziehung sind hervorragende, einflussreiche und kostengünstige Instrumente zur Förderung von Gesundheit. Körperliche Aktivität hält Menschen jeden Alters fit und gelenkig. Das gilt auch für MS-Betroffene. Gegen viele MS-Symptome lässt sich eine geeignete Sportart finden. Wer bisher sportlich inaktiv war, dem drängen sich wohl die Fragen auf: Wie wählt man die richtige Sportart aus, welche bietet sich für die individuellen körperlichen Beschwerden am besten an? Für viele MS-Symptome lässt sich eine geeignete Sportart finden. Wichtig für die Wahl der für Sie richtigen Sportart sind aber nicht nur Ihre Beschwerden, sondern vor allem auch der Spass, den Sie dabei empfinden. Suchen Sie sich eine Sportart aus, die Sie gerne regelmässig ausüben.

Vordergründig ist vor allem der Spass, den Sie dabei empfinden. Trainieren Sie in einer Gruppe. Das motiviert zusätzlich: Man bleibt eher bei der Stange und pflegt erst noch wertvolle soziale Kontakte.

Die regelmässige sportliche Betätigung können Sie durch einfache, aber wirkungsvolle Übungen sinnvoll ergänzen. Derartige Übungen lassen sich ohne Hilfsmittel oder mit Gegenständen aus dem Haushalt durchführen.

Ihre Physiotherapeutin kann Ihnen eine Auswahl solcher Übungen zeigen. Sie wird Sie auch betreffend Hilfsmittel beraten können, die Sie bei der Ausübung Ihrer sportlichen Aktivität unterstützen oder diese überhaupt erst ermöglichen (Orthesen, Schienen, Gehhilfen usw.).

Multiple Sklerose-Beschwerden: Welche Sportart ist geeignet?

Spastik und Muskelschwäche

Schwimmen, gymnastische Übungen, leichte Ballspiele, Reiten

Störungen der Feinmotorik:

Schwimmen, Wassergymnastik, Reiten

Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen:

Radfahren auf ebenem Gelände oder auf einem Heimtrainer, rhythmische Gymnastik zu Musik, Übungen mit speziellen Sportgeräten, Reiten

Sensibilitätsstörungen:

Spiele auf «reizgebendem» Untergrund (Matten, Teppich, Sand, Gras), Ballspiele mit strukturierten Bällen (z.B. aus rauer Wolle)

Sehstörungen:

Heimtrainer, Laufband, gymnastische Übungen

Wärmeüberempfindlichkeit:

Schwimmen und Wassergymnastik (unter 26 °C)

Eine Auswahl an Sportmöglichkeiten

Die Entscheidung, sportlich aktiver zu werden, ist gefallen. Doch wie bekommt man es hin, lange Freude an der Bewegung zu haben?

Der Spass-Faktor spielt dabei eine entscheidende Rolle. In einer «Testphase» können Sie zwischen der einen oder anderen Sportart wechseln, um herauszufinden, bei welcher physischen Aktivität Sie am meisten Freude verspüren.

Radfahren – die Natur geniessen

Die Natur mit Hilfe der eigenen Muskelkraft, aber ohne allzu grosse Anstrengung und sehr unmittelbar zu «erfahren» – das Fahrrad macht es möglich. Neben der körperlichen Aktivität, dem Genuss von frischer Luft und schöner Natur kann mit Radfahren auch die Geselligkeit mit der Familie oder einer Gruppe erlebt und gleichzeitig die Beweglichkeit, Ausdauer und Koordination verbessert werden. Mit dem Rad die Welt zu erkunden, bietet sich für MS-Betroffene besonders an, da man die Fahrtaktik problemlos dem individuellen Leistungsniveau anpassen kann.

Achten Sie schon bei der Planung Ihrer Route darauf, dass das Gelände (flach oder hügelig) und die vorgesehene Distanz in einem für Sie machbaren Rahmen liegen. Wenn Sie mit Freunden unterwegs sind, sollten Sie diese vorher über Ihre Krankheit und die dadurch bedingten Leistungseinschränkungen aufklären. Sind diese Voraussetzungen gegeben, kann es losgehen: Fahren Sie allfälligen Sorgen für eine Weile auf und davon.

Das ideale Fahrrad für Multiple Sklerose-Betroffene:

Benutzen Sie ein Fahrrad mit ausreichend Gängen und einem extra tiefen Durchstieg (Easy boarding bike), damit Ihnen das Aufsteigen leichter fällt. Wer Schwierigkeiten mit Balance und Kraft hat, wählt vorzugsweise ein Fahrrad mit drei Rädern oder einem Hilfsmotor.

Tragen Sie zum Radfahren feste Schuhe, damit Sie genug Halt haben. Wenn Sie sich auf dem Fahrrad zu unsicher fühlen, können Sie auch auf einem Heimtrainer trainieren.

Schwimmen – Abtauchen vom Alltag

Schwerelosigkeit im Wasser, ein sinnliches Vergnügen, welches Sie sich möglichst oft gönnen sollten. Schwimmen ist die ideale Sportart, um den Körper gesund zu halten; Herz und Kreislauf werden beim Training ausgewogen belastet und die Bewegung im Wasser schont die Gelenke. Zudem sorgt die Wassertemperatur ständig für Abkühlung, womit ein Wärmestau verhindert werden kann. MS-Betroffene, die keine Wasserscheu zeigen, sollten sich öfters dem weichen Nass hingeben.

Schwimmen eignet sich auch ausgezeichnet als Einstiegssportart für Menschen, die längere Zeit körperlich inaktiv waren. Mit einem Schwimmbecken (sicherer als offene Gewässer) und der richtigen Wassertemperatur (weniger als 26 °C) sind die Voraussetzungen gegeben. Als Ausrüstung brauchen Sie nur noch eine Badehose und eventuell eine Schwimmbrille einzupacken.

Sicherheitshinweise für MS-betroffene Schwimmer:

Beginnen Sie Ihr Schwimmtraining in sicheren Gewässern (in stehendem Wasser, also besser in einem Schwimmbad als im Meer). Schwimmen Sie in offenen Gewässern nie zu weit vom Ufer weg, da Spastiken und muskuläre Ermüdungen ganz plötzlich auftreten können.

(Nordic)Walking – am schönsten in der Gruppe

Walking ist, einfach gesagt, schnelles, sportliches Gehen. Dabei wird eine spezifische Technik angewendet: Die Knie sind leicht gebeugt, die Füsse werden über die ganze Fusssohle abgerollt und die Arme schwingen beim Gehen gegengleich mit, während bewusst ein- und ausgeatmet wird.

Walking können Sie praktisch überall ausüben. Sie brauchen weder eine teure Sportausrüstung noch eine spezielle Anlage dafür. Am meisten Spass macht Walking in der Gruppe. Suchen Sie sich eine Walking- Gruppe in Ihrer Nähe oder gründen Sie selber eine. Nordic Walking, eine spezielle Form des Walkings, eignet sich für MS-Patienten besonders. Unter Nordic Walking versteht man aktives Gehen mit speziellen Stöcken, die den gesamten Oberkörper in die Bewegung mit einbeziehen. Dadurch wird ein schonendes, aber trotzdem wirkungsvolles Ganzkörperprogramm ermöglicht.

Beim Nordic Walking hat man nicht nur die Stöcke, sondern auch viele gute Argumente für die Gesundheit in der Hand: Der Einsatz der Stöcke stabilisiert das Gleichgewicht, schont die Gelenke und fördert die Koordination. Nordic Walking ist nur sinnvoll, wenn man die richtigen Bewegungsabläufe kennt. Fragen Sie in einem Fitness-Studio oder bei einem Physiotherapeuten nach Kursen in Ihrer Nähe. Sie werden so über die richtige Koordination

So macht Walking Spass:

- Benutzen Sie feste, bequeme, atmungsaktive Schuhe.
- Tragen Sie schweissaufnehmende Sportsocken und -unterwäsche.
- Bevorzugen Sie nicht einengende, dehnbare Kleidungsstücke.
- Achten Sie auf wärmeabgebende, atmungsaktive Kleidung, damit sich kein Wärmestau bilden kann.
- Tragen Sie bei Sonnenschein eine Kopfbedeckung mit Blendschutz.

Hippotherapie

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Die Reittherapie (hippos = Pferd) kann bei MS-Betroffenen Symptome wie Spastik, Kraftverlust und Koordinationsstörungen deutlich verbessern. Sie trainiert den Gleichgewichtssinn und wirkt gleichzeitig dem Bewegungsablauf einer vermehrten Muskelsteifigkeit entgegen. Zudem wirkt der Kontakt mit dem Pferd und mit anderen Reitern auch der sozialen Isolation entgegen. Für tierliebende Menschen ist die Hippotherapie deshalb eine ideale Ergänzung zur medizinischen Behandlung der Multiple Sklerose (MS).

Wer vor Krankheitsausbruch bereits geritten ist oder sogar ein eigenes Pferd besitzt, hat mit der Hippotherapie eine ideale Möglichkeit, sein Hobby nicht nur weiterzuführen, sondern damit auch noch therapieunterstützende Massnahmen zu ergreifen.

Multiple Sklerose-Patienten, die keine Erfahrung im Reiten mitbringen, können normalen Reitunterricht nehmen. So werden sie bald fähig sein, die erlernten Übungen selbständig durchzuführen. Ob das Beschwerdebild das Reiten zulässt, kann Ihnen der behandelnde Arzt sagen.

Qigong – Wohltat für Körper und Seele

Körperliche Aktivität ist nicht zwangsläufig mit Anstrengung verbunden, sondern kann auch Ruhe und Entspannung vermitteln. Fernöstliche meditative Techniken wie Qigong, Tai-Chi oder Yoga sind auch für MS-Patienten ideal. Qigong ist ein Entspannungstraining, das Körper und Seele gut tut – es kommt ganz ohne Hilfsmittel aus und kann überall praktiziert werden.

Verschiedene Bewegungsabläufe sorgen dafür, dass der Energiefluss («Qi») im Körper aktiviert wird. Wie bei allen fernöstlichen Techniken spielt dabei die richtige Atmung eine zentrale Rolle.

Die medizinische Wirkung von Qigong auf die MS ist bis jetzt noch wenig erforscht. Sicher aber ist, dass diese Technik generell einen positiven Effekt auf Körper und Geist ausübt. Aufgrund bisheriger Erfahrungen nimmt man an, dass die Dauer von Schüben verkürzt und die Langzeitprognose der Multiple Sklerose (MS) verbessert werden könnte. Deshalb kann Qigong ohne Vorbehalt empfohlen werden.

Auswirkungen von Qigong auf Körper und Seele:

- Erhöht die körperliche Aufmerksamkeit.
- Sorgt für mentale Beruhigung ohne Schläfrigkeit.
- Sorgt für mehr innere Klarheit.
- Macht gelassener und senkt die Stressempfindlichkeit.